Der stille Ort – Version IV –

Gespürt habe ich ihn nicht – den stillen Ort in mir. Für eine beschämend lange Zeit. Das zu schreiben, fällt schwer. Es zu empfinden fast weniger. Denn die Erkenntnis schlummert schon Monate bei zeitgleich taubem Sinn, bei lautloser Stimme. Anachronistische Parallelwelten. Paradoxien im Sein. 
Das Bekenntnis, dass es so war und vermutlich immer wieder einmal noch ist und sein kann, hebt die Scham zwar auf ein Podest mit drohender Absturzgefahr, aber gleichzeitig auf eine Plattform mit Aussicht. Mit Zuversicht.
Ich hab‘ ihn mir eher hergedacht als hergeholt – den stillen Ort; manches Mal noch nicht einmal das. Müßig zu fragen nach dem Warum. Auf solche Fragen nach Antwort zu suchen, enden nicht nur bei mir so oft in „hätte, hätte, Fahrradkette“… in Selbstvorwürfen oder Selbstmitleid. Sie lenken den Blick auf eine unwiderrufliche Vergangenheit, versperren ihn fürs vorverurteilende Jetzt und blockieren das mögliche Morgen. 
Fest steht: Ich hab‘ ihn definitiv so gar nicht gefühlt – meinen sicheren Ort. Vielleicht hab‘ ich es sogar alles andere als zugelassen – im Sinne von mir gegenüber gewähren, ja möglich machen. Oder sollte ich vielmehr schreiben: offengelassen? Mit einem Lächeln nach innen? 
Genau das ist es ja, das nicht gelingt. Allein der Anspruch ist bereits zum Scheitern veranlagt oder wirkt gekünstelt. Denn ein Lächeln, wenn es ehrlich gemeint ist, signalisiert, ich sei souverän, warm, zugewandt. Das bin ich, durchaus, aber gefühlt ohne sicheren Halt.
Diese Haltlosigkeit ist mir offensichtlich vertrauter als mich geborgen zu meinen. Aber, was sagt mir das? Was sag‘ ich mir? Was spricht da aus mir aus? Zu ausufernde Fragen, die eine Antwort erschweren. Leichter, heller und glaubhafter ist die Traute, darüber zu berichten. Die Flanke zu weiten, das Rückgrat aufzurichten – im Bewusstsein, dass ich Luft brauche – zum Atmen hin zum stillen Ort. Zur zeitweiligen Muße. 
Scham scheint der Schlüssel. Scham, die entsteht, wenn ich meinen Selbstwert kränke, wenn ich mein Verhalten an unerfüllbare Erwartungen binde, wenn eine Lücke klafft zwischen Anspruch und Kopf im Unterschied zu Bedürfnis, Empfinden und Bauch, die nicht integrierbar scheint. Die Kunst, so meine ich es heute, mutet sich an, immer wieder differenzieren zu lernen: zwischen dem, von dem ich mich nach wie vor berühren lasse, weil ich bin, wie ich bin – mit meinen Achillesfersen und dem, was mich ins Bodenlose verschließt. Der Halt so wie das Halt! ist und bleibt der stille Ort. 

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