Der stille Ort – Version II –

Da kämpfst du Jahre, dich zu schützen und fällst immer wieder hin und holst dir gefühlt mehr als eine blutige Nase, weil du es erneut zugelassen hast, dich verletzen zu lassen.
Deine Grenzen überschreitend und deine Grenzen nicht gewahrt hast. Deine Haut hast du verbrennen lassen und gleichzeitig ist dir immer wieder so kalt gewesen. Verfroren kalt. Hast fast dein Herz brechen lassen vor dir selbst. Kurzweilig. Manchmal auch für länger. 
Und immer wieder dich selbst verantwortlich gemacht, dass es passiert. Und hast dich geschämt. Hast Angst gehabt – und wie! Dass du es wieder und wieder zulässt. Dass du nicht aufgepasst hast. Dass du idealisiert hast. Dass du geglaubt hast, statt genau hinzusehen. Hinzuspüren. Dass du dich wieder und wieder selbst infrage gestellt hast statt die Situation hinterfragt, die andere Person. Die Lage. Den Gemütszustand. 
Ja, du bist hingegangen und hast es dir hergeleitet, und damit auch auf eine Art entschuldigt, verziehen, losgelassen und hingewendet – aufgrund der Geschichte, des Schicksals, der Umstände, des vergangenen Leids. Statt einfach wahrzunehmen, hast du es immer wieder und erneut persönlich genommen, dir den Arsch aufgerissen und Zeit und Gedanken und Entschuldigungen investiert. Früher dazu dich noch selbst verletzt und damit auch andere, wenn du getrunken hast… Wenn es nicht dramatisch genug war, hast du es dramatischer gemacht, um vermeintlich bedeutsam zu sein. An Bedeutung zu gewinnen. Hast es übertrieben und damit dich selbst wieder zurückgetrieben in unheilvolle Beziehungen. In das kränkende Umfeld. In das Land der Entwertungen und hast selbst gewertet. Und dich schuldig gefühlt. Immer wieder verdammt schuldig und verantwortlich für die Misere. Und dein Missgeschick. Für deine Fehler. Dich deiner Feinfühligkeit geschämt und versucht sie selbst als Kränkung zu werten.
Anstatt: es einfach anzunehmen. Hinzunehmen. Für Bares, fürwahr und vielleicht damit sogar für Rares zu halten. Dass das, was du als Manko betrachtest, als Schwäche, als zu Schützendes, besser Zurückzuhaltendes behandelst, deine eigentliche Quelle ist. Die, die offen ist und offengehalten werden darf, zugewandt und verwandt mit der Natur und ihren Bäumen, Gräsern und dem Laub, ihren flirrenden buntgefleckten Blumenwiesen, ihren Bergen und Raubvögeln, ihren zauberhaften Schmetterlingen und dem roten zarten Mohn… und mit ihren uralten Steinen und den das Meeresrauschen beherbergenden Muscheln, die du so liebst.
Der stille Ort, die fließende Quelle allem Künstlerischen, aller Melancholie und dem Leiden an der Welt mit ihren Kriegen, Krisen und Menschenquälereien. Genau, Du hältst es fast nicht aus, aber indem du sie als solches wahrnimmst, nimmst du dich selbst beherzt und kommst dir zuhanden für das, was dich berührt, was dich bewegt auf deinem Weg, den es zu gehen gilt. Weil es deiner ist. Weil er der einzige für dich ist. Weil sie nur so heilen, die Wunden, die nicht zu verwechseln sind mit der Quelle, die nicht versiegt. Weil es das ist, was dich interessiert. Ja, vielleicht sogar das, was dich ausmacht, aber nicht, um vereinzelt zu sein, sondern du es ebenso als den Ort empfindest, der dich verbindet. Dich zutiefst vertraut macht mit denjenigen, die du liebst und die dich lieben. Diese Stelle in dir, die dir den Zugang vermittelt, ebnet und wegweist zu den großartig geschriebenen Worten in Poesie, zu den Zeichen zwischen den Zeilen im Text, der Atempause am Telefon, des Schweigens deines Gegenübers und der tieferen Schicht auf der Leinwand, hinter den Figuren der Geschichte, der Synkope einer Sinfonie, des kleinen Details auf einer Fotografie. Und damit landest du unverhohlen bei den verlorenen Chancen und Gelegenheiten. Gleichzeitig aber auch bei deiner Sehnsucht, diese Zeilen nicht wieder zu vergessen, sondern zu schöpfen, zu schöpfen, zu schöpfen… Nicht schöpfend aus der Anerkennung, der Delegation, des Wahrgenommen werden von anderen, im Außen, sondern wert- und wortschöpfend aus der unerschöpflichen Quelle in der Begegnung von innen im Verbund. Eins sein und verknüpft, aber nicht Kräfte raubend, sondern sammelnd und damit tröstend und betraut mit dir selbst. Dabei magst du dich als trennend erleben von anderen, aber letztlich ist es das, was es ist. Individuum sein heißt nun einmal unteilbar sein. Ob es dir gelingt, weiß ich nicht, aber ich wünsche es dir aus ganzem Herzen. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.