Archiv des Autors: Bettina Dornberg

Der stille Ort – Version IV –

Gespürt habe ich ihn nicht – den stillen Ort in mir. Für eine beschämend lange Zeit. Das zu schreiben, fällt schwer. Es zu empfinden fast weniger. Denn die Erkenntnis schlummert schon Monate bei zeitgleich taubem Sinn, bei lautloser Stimme. Anachronistische Parallelwelten. Paradoxien im Sein. 
Das Bekenntnis, dass es so war und vermutlich immer wieder einmal noch ist und sein kann, hebt die Scham zwar auf ein Podest mit drohender Absturzgefahr, aber gleichzeitig auf eine Plattform mit Aussicht. Mit Zuversicht.
Ich hab‘ ihn mir eher hergedacht als hergeholt – den stillen Ort; manches Mal noch nicht einmal das. Müßig zu fragen nach dem Warum. Auf solche Fragen nach Antwort zu suchen, enden nicht nur bei mir so oft in „hätte, hätte, Fahrradkette“… in Selbstvorwürfen oder Selbstmitleid. Sie lenken den Blick auf eine unwiderrufliche Vergangenheit, versperren ihn fürs vorverurteilende Jetzt und blockieren das mögliche Morgen. 
Fest steht: Ich hab‘ ihn definitiv so gar nicht gefühlt – meinen sicheren Ort. Vielleicht hab‘ ich es sogar alles andere als zugelassen – im Sinne von mir gegenüber gewähren, ja möglich machen. Oder sollte ich vielmehr schreiben: offengelassen? Mit einem Lächeln nach innen? 
Genau das ist es ja, das nicht gelingt. Allein der Anspruch ist bereits zum Scheitern veranlagt oder wirkt gekünstelt. Denn ein Lächeln, wenn es ehrlich gemeint ist, signalisiert, ich sei souverän, warm, zugewandt. Das bin ich, durchaus, aber gefühlt ohne sicheren Halt.
Diese Haltlosigkeit ist mir offensichtlich vertrauter als mich geborgen zu meinen. Aber, was sagt mir das? Was sag‘ ich mir? Was spricht da aus mir aus? Zu ausufernde Fragen, die eine Antwort erschweren. Leichter, heller und glaubhafter ist die Traute, darüber zu berichten. Die Flanke zu weiten, das Rückgrat aufzurichten – im Bewusstsein, dass ich Luft brauche – zum Atmen hin zum stillen Ort. Zur zeitweiligen Muße. 
Scham scheint der Schlüssel. Scham, die entsteht, wenn ich meinen Selbstwert kränke, wenn ich mein Verhalten an unerfüllbare Erwartungen binde, wenn eine Lücke klafft zwischen Anspruch und Kopf im Unterschied zu Bedürfnis, Empfinden und Bauch, die nicht integrierbar scheint. Die Kunst, so meine ich es heute, mutet sich an, immer wieder differenzieren zu lernen: zwischen dem, von dem ich mich nach wie vor berühren lasse, weil ich bin, wie ich bin – mit meinen Achillesfersen und dem, was mich ins Bodenlose verschließt. Der Halt so wie das Halt! ist und bleibt der stille Ort. 

Der stille Ort – Version III –

Manchmal ist mir, als ob der stille Ort, jener Platz in mir, wo alles in Ordnung scheint, alles heil ist, immer war und immer sein wird, als ob der stille Ort laut ist. Um ehrlich zu sein, es gibt sogar Stunden, da ist mir, als ob dort jemand schreit. Klingt dramatisch. Ist es dann auch. 
Na, jedenfalls ist er heute alles andere als still. Was will da zu Wort kommen und von mir gehört werden? 
Ich mache mir Gedanken und fange an zu schwimmen. Falsch, so stimmt‘s nicht. Zuerst schwimme ich und fange später an zu denken. Balance ist das Stichwort, das ins Wanken geraten ist. Diese allseits gepriesene innere Stimmigkeit ist ins Ungleichgewicht geschlittert. Vermutlich schon länger, so lautet meine These, warum sich da jemand von diesem Ort aus unwiderruflich meldet und an mein Gehirn funkt: „Mach was. Kümmere dich. Tu endlich was.“ Zugegeben, der Ton ist streng, unangebracht, überflüssig.
Immer wieder lande ich bei der Frage, vielmehr bei den Fragen, die zumindest genau in diesen Momenten niemand beantwortet. Wann ist Zeit für Ablenkung , wann für Auseinandersetzung? Ruhe und Muße oder eher Bewegung und einfach nur raus? Was überfordert mich, was unterfordert mich? Spannung oder Entspannung aufbauen? Liegen oder laufen? Schlafen, lesen oder schreiben? Anpacken oder loslassen?
Und es geht durchaus noch weiter – darüber reden, jemand anrufen und einweihen, mich mittteilen oder eher schweigen, abwarten, spüren und aushalten? 
Ich gestehe: Menschen, die von ihrer stimmigen Balance anderen gegenüber lauthals verlautbaren, vom inneren Gleichgewicht predigen, sind mir zutiefst suspekt. Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass diejenigen, die wirklich in sich ausgeglichener unterwegs sind, es gar nicht in den Sinn kommt, darüber zu preisen. Stimmig scheint ihnen, dass es eben jene schwimmende Momente gibt. Das Pendel schlägt mal stärker, mal schwächer aus – das gehört dazu, wenn man balanciert und bisweilen bilanziert. 
Manches ist im Lot, anderes im Scheinlot, und es darf korrigiert oder gar gegengesteuert werden; einiges ist instabil und erzeugt Schwindel. Dies zählt unvermeidlich zur Schwerkraft und braucht Zuwendung; jenes zählt zur Fliehkraft und darf gehen. Kurzum: Sie sind sich der widersprüchlich wirkenden Kräfte bewusst. 
Diese Erkenntnis hilft mir in solchen Momenten wie heute Morgen ehrlich gesagt wenig… was mir jedoch immer bleibt, ist die Gewissheit: Es gibt ihn, den Ort – nach wie vor. Er geht definitiv nicht weg. Und ich darf alles – nach innen lauschen und im Außen wägen, Erschöpfung wahrnehmen und kraftschöpfend suchen. So ist es nämlich: Was letztlich bleibt, ist, sich auszuprobieren, was in dem Augenblick – und sei es, dass er über Stunden im Zweifel steht – guttun könnte und vielleicht wieder stückchenweise ausgleicht, vielleicht aber auch erst einmal nicht. Es ist okay, wie es ist.

Der stille Ort – Version II –

Da kämpfst du Jahre, dich zu schützen und fällst immer wieder hin und holst dir gefühlt mehr als eine blutige Nase, weil du es erneut zugelassen hast, dich verletzen zu lassen.
Deine Grenzen überschreitend und deine Grenzen nicht gewahrt hast. Deine Haut hast du verbrennen lassen und gleichzeitig ist dir immer wieder so kalt gewesen. Verfroren kalt. Hast fast dein Herz brechen lassen vor dir selbst. Kurzweilig. Manchmal auch für länger. 
Und immer wieder dich selbst verantwortlich gemacht, dass es passiert. Und hast dich geschämt. Hast Angst gehabt – und wie! Dass du es wieder und wieder zulässt. Dass du nicht aufgepasst hast. Dass du idealisiert hast. Dass du geglaubt hast, statt genau hinzusehen. Hinzuspüren. Dass du dich wieder und wieder selbst infrage gestellt hast statt die Situation hinterfragt, die andere Person. Die Lage. Den Gemütszustand. 
Ja, du bist hingegangen und hast es dir hergeleitet, und damit auch auf eine Art entschuldigt, verziehen, losgelassen und hingewendet – aufgrund der Geschichte, des Schicksals, der Umstände, des vergangenen Leids. Statt einfach wahrzunehmen, hast du es immer wieder und erneut persönlich genommen, dir den Arsch aufgerissen und Zeit und Gedanken und Entschuldigungen investiert. Früher dazu dich noch selbst verletzt und damit auch andere, wenn du getrunken hast… Wenn es nicht dramatisch genug war, hast du es dramatischer gemacht, um vermeintlich bedeutsam zu sein. An Bedeutung zu gewinnen. Hast es übertrieben und damit dich selbst wieder zurückgetrieben in unheilvolle Beziehungen. In das kränkende Umfeld. In das Land der Entwertungen und hast selbst gewertet. Und dich schuldig gefühlt. Immer wieder verdammt schuldig und verantwortlich für die Misere. Und dein Missgeschick. Für deine Fehler. Dich deiner Feinfühligkeit geschämt und versucht sie selbst als Kränkung zu werten.
Anstatt: es einfach anzunehmen. Hinzunehmen. Für Bares, fürwahr und vielleicht damit sogar für Rares zu halten. Dass das, was du als Manko betrachtest, als Schwäche, als zu Schützendes, besser Zurückzuhaltendes behandelst, deine eigentliche Quelle ist. Die, die offen ist und offengehalten werden darf, zugewandt und verwandt mit der Natur und ihren Bäumen, Gräsern und dem Laub, ihren flirrenden buntgefleckten Blumenwiesen, ihren Bergen und Raubvögeln, ihren zauberhaften Schmetterlingen und dem roten zarten Mohn… und mit ihren uralten Steinen und den das Meeresrauschen beherbergenden Muscheln, die du so liebst.
Der stille Ort, die fließende Quelle allem Künstlerischen, aller Melancholie und dem Leiden an der Welt mit ihren Kriegen, Krisen und Menschenquälereien. Genau, Du hältst es fast nicht aus, aber indem du sie als solches wahrnimmst, nimmst du dich selbst beherzt und kommst dir zuhanden für das, was dich berührt, was dich bewegt auf deinem Weg, den es zu gehen gilt. Weil es deiner ist. Weil er der einzige für dich ist. Weil sie nur so heilen, die Wunden, die nicht zu verwechseln sind mit der Quelle, die nicht versiegt. Weil es das ist, was dich interessiert. Ja, vielleicht sogar das, was dich ausmacht, aber nicht, um vereinzelt zu sein, sondern du es ebenso als den Ort empfindest, der dich verbindet. Dich zutiefst vertraut macht mit denjenigen, die du liebst und die dich lieben. Diese Stelle in dir, die dir den Zugang vermittelt, ebnet und wegweist zu den großartig geschriebenen Worten in Poesie, zu den Zeichen zwischen den Zeilen im Text, der Atempause am Telefon, des Schweigens deines Gegenübers und der tieferen Schicht auf der Leinwand, hinter den Figuren der Geschichte, der Synkope einer Sinfonie, des kleinen Details auf einer Fotografie. Und damit landest du unverhohlen bei den verlorenen Chancen und Gelegenheiten. Gleichzeitig aber auch bei deiner Sehnsucht, diese Zeilen nicht wieder zu vergessen, sondern zu schöpfen, zu schöpfen, zu schöpfen… Nicht schöpfend aus der Anerkennung, der Delegation, des Wahrgenommen werden von anderen, im Außen, sondern wert- und wortschöpfend aus der unerschöpflichen Quelle in der Begegnung von innen im Verbund. Eins sein und verknüpft, aber nicht Kräfte raubend, sondern sammelnd und damit tröstend und betraut mit dir selbst. Dabei magst du dich als trennend erleben von anderen, aber letztlich ist es das, was es ist. Individuum sein heißt nun einmal unteilbar sein. Ob es dir gelingt, weiß ich nicht, aber ich wünsche es dir aus ganzem Herzen. 

Über fünfzig Jahre

Gestern hat mich meine älteste Freundin besucht, die nun mehr als ihr halbes Leben in Südfrankreich lebt. Im Kindergarten war es, als wir unsere Bande schlossen – vermutlich, weil wir Beide jene Mädchen waren, die sich unter der Regide von Schwester Agnesia deutlich öfters in der Strafecke wiederfanden als andere Zeitgenossen. Das fällt auf. Das verbindet. Wir gingen auf dieselbe katholische Grundschule, aber schon nicht mehr auf dasselbe Gymnasium. Sie studierte in Freiburg, ich in Berlin. Sie heiratete ihre große Liebe, einen Franzosen, den ich umgehend in mein Herz schloss. Ich erinnere mich an ihre Hochzeit als die mit Abstand romantischste, genussvollste, längste und tanzreichste, die ich je erlebt habe. Sie kann das – das Leben feiern. Und ihre zwei Töchter sind ihr ein und alles – was sonst, während ich kinderlos geblieben bin. Wir haben vieles gemein, genauso, wie wir uns unterscheiden. Auf die Distanz bleibt es gar nicht aus, dass es mittlerweile deutlich mehr Jahre ungeteilten Lebens gibt, als solche, die wir als Freundinnen einander auf Schritt und Tritt begleiteten. Der Verbindungsfaden ist nie abgerissen. Und genau diese Treue ist für mich von unschätzbarem Wert. Nicht etwa, weil wir diesen Wert meinen, leben zu müssen, sondern weil wir es einfach tun. Ungefragt, selbstverständlich, natürlich. 
Wir sind einander so frühes Gedächtnis und Erinnerung; ich fühle, wie prägend es ist. Es folgten in der Pubertät weitere Freundinnen, mit denen ich bis heute verbunden bin. Aber mit niemand anderem als mit ihr kann ich mich spielend zurückversetzen in das Kind, das sich zum Teenie entwickelt und weiter von der Jugendlichen zur Frau. Dieser gesamte Kosmos von Häutungen, mal unerträglich schmerzhaft wie so unendlich befreiend, von den ungezählten ersten Malen – der Täuschung und des Staunens, des Verliebtseins und des Verlusts, des empfundenen Scheiterns und des persönlichen Erfolgs, Verbote überschreitend und Individualität gestaltend… Von unserem Geheim und unserer erfundenen Geheimsprache, unserem Erkennungsruf, der nur uns gehörte und den ich bis heute hören kann.
Ohne es aus- oder auch nur hin und wieder anzusprechen, schwingen sie mit diese unzähligen kleinen und großen Ereignisse auf dem Weg zur heranwachsenden Persönlichkeit.
Und dann sitzen wir wie gestern stundenlang zusammen – auf dem Balkon, bringen uns gegenseitig auf den neuesten Stand und versuchen erzählend aufzuholen, was sich von Treffen zu Treffen, von Telefonat zu Telefonat ereignet hat. Und genau das ist es, was mich heute Morgen melancholisch stimmt. Es berührt die Vergänglichkeit von Zeit… Und ebenso dies: Wann haben wir das letzte Mal etwas zusammen erlebt? Die Zeit reicht nie – weder zum Austausch noch um gemeinsam unterwegs zu sein oder einfach ein paar Tage unter einem Dach zu verbringen. Ich weiß, sie wird diese Zeilen lesen, und ich weiß, sie wird diese Zeilen bewegen. Und schließlich weiß ich: ich wäre von Herzen willkommen in ihrem schönen Haus in Südfrankreich.

Der stille Ort

Immer wieder gibt es Phasen im Leben, da schreit alles in einem vermeintlich nach Sicherheit. Wirklich Sicherheit? Geht es nicht viel eher um Halt und Geborgenheit, um Einfachheit und Bedingungslosigkeit? Gestern ging es mit einer Freundin genau um diesen feinen, regelrecht einschneidenden Unterschied… 
Meinen wir, wenn wir uns einsam und alleine, verloren und verlassen fühlen – so von Grund auf – wirklich Sicherheit? Ich meine nicht. Wir suchen Halt und finden keinen. Nicht in uns. Nicht bei anderen. Auch nicht bei solchen, die ihre stützende Hand, ihr offenes Ohr, ihr zuhörendes Herz anbieten. Halt ist nicht delegierbar. Definitiv nicht. In solchen Momenten scheint nichts und niemand richtig; überhaupt scheint alles am falschen Ort, zur falschen Zeit, wohlmöglich sogar im falschen Körper zu sein. Fremd. Unnahbar. Begleitet von Ängsten: Vor Rührung wie vor Langeweile, vor Lautlosigkeit und Lärm, vor Starre und Leere genauso wie vor Unruhe und Geschwindigkeit. Aber was hat dies ausgelöst? Was ist es genau? 
Was mich gerade nicht loslässt ist das Wort „Halt“. Hat da etwa in uns nicht „Halt!“ gesagt, sodass es haltlos wurde? Grenzenlos. Grenzverletzend. Mit Sicherheit auch. Das ist ja genau das Faszinierende, wenn man es geschafft hat, sich wieder raus- und reinzudrehen, selbst umzuschauen und auf den Tag, der vor einem liegt und man eine leise Ahnung hat, wie er gestaltbar werden und sich stimmig formen könnte – selbst wenn es unsicher begleitet ist, was das wohl bedeuten mag. 
Inwendig fündig werden und die Sorge aushalten, dass man auf dem Boden landet. Unsanft und schmerzhaft, dafür aber eindeutig. Pur. Klar. Ohne Ausreden und Ablenkung. Ohne Entschuldigung und Selbstmitleid. Weder Schuld noch Scham verdecken das Grundgefühl: Ja, ich fühle mich alleine – auch wenn alle Fakten da draußen einem etwas anderes weis machen wollen. Durchlässig werden und sich ungefiltert vorwagen zum Kind, das gleichzeitig etwas aufholen möchte, was noch nie da war, etwas in Anspruch nehmen möchte, was ihm jedoch vor Urzeiten zustand. Das ist rum ums Eck.
Ja, die gewohnte – gerade mal aufgebrochene Sicherheit weiter aufbrechen, um Halt zu finden. Hierin zeigt sich der wesentliche Unterschied zwischen Bedürfnissen, die durchaus legitim sind und die jetzt unausweichlich anstehen, aber schwer einzugestehen, und einer Bedürftigkeit, die offen bleibt. Ja, offenbleiben sollte. Denn das ist genau die Schnittstelle, die noch mehr wehtun wird, indem man versucht ist, es wieder und wieder erfolglos zu delegieren, andere wie sich selbst erneut zu verwunden, abermals überflüssig verletzende Runden zu drehen, und unweigerlich wiederholt sich die alte Geschichte erneut. 
Und trotz alledem ist da unwiderruflich auch ein anderes Gefühl: Ja, es gibt diesen einen Ort, innewohnend, unkaputtbar, der einfach nur da ist. Der still ist. Der verbunden ist mit einer Quelle. Ursprünglich. Bedingungslos. An diesem Ort weiß man genau, was es jetzt braucht: Selbstfürsorge. 

Die Antigone des Amazonas

Nicht selten wird bei einer Krise an die griechische Tragödie erinnert. Warum? Weil man hofft, dass sich das Publikum des Schauspiels einer Katharsis unterzieht. Übertragen auf die Welt außerhalb des Theaters bedeutet dies, uns als Protagonisten unseres Alltags und unserer Gesellschaft zur Beteiligung zu bewegen. Indem wir als eben als ‚beteiligte‘ Zuschauer – so die grundlegende Definition der Poetik nach Aristoteles – all das Drama, den Schrecken, Tod, Unrecht und Unheil auf der Bühne miterleben, kann sich eine verändernde Haltung entfalten. Mit der Chance zu mehr Feingefühl und Reflexion der eigenen zerstörerischen Anteile. Mit der Chance, sich gegen Missstände und Ungerechtigkeit aufzulehnen sowie für humanitäre Ziele einzusetzen. Mit dem Ziel: die drohende Katastrophe in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft abzuwehren, um den Untergang zu verhindern. Zugegeben, das ist hier sehr verkürzt dargestellt, aber das ist mir bewusst. Worauf ich hinauswill, ist der Hinweis auf die beeindruckendste Rede in Coronazeiten: die Online-Eröffnungsrede der Wiener Festwochen durch Kay Sara. 
Uns ist Kay Sara vor allem als indigene Aktivistin bekannt, die sich lange vor Covid19 mit Haut und Haar der Rettung des Amazonas mit all ihren Konsequenzen verschrieben hat. Aber sie ist eben deutlich mehr. „Wie jeder bin ich eine Mischung aus vielem: Ich bin Tukana und Tariana, eine Frau, eine Aktivistin, eine Künstlerin. Ich spreche als all das zu Ihnen,“ sagt sie selbst und erklärt, was ihr Name bedeutet: „Die sich um andere sorgt.“ Ihre Sorge teilt sie also in dem Fall in Personalunion als Antigone des Amazonas und als indigene Aktivistin mit ihrem virtuellen Publikum. Und, wie sie es schafft, in knapp zwölf Minuten ihre Finger klar, verständlich, nachvollziehbar, unwiderlegbar und unwiderruflich auf die Wunden zu legen, die mit der Abholzung der Regenwälder verbunden sind, ist einmalig. Dramaturgisch sensationell aufbereitet. Ich meine dies aber nicht im künstlerischen Sinne der griechischen Tragödie einer Antigone, sondern hier spricht eine Frau in der Kunst, die auf dem Boden, dem Grund ihrer Seele aufsetzt, und damit zutiefst wahrhaftig redet. 
Hier der Link zu ihrer Rede: https://www.festwochen.at/festwochen-2020-reframed-against-integration
Wer die Rede nicht nur sehen und hören, sondern auch lesen möchte, hier der zusätzliche Link zur deutschen Transkription ihrer Rede: https://www.derstandard.at/story/2000117523875/against-integration-dieser-wahnsinn-muss-aufhoeren

Großzügige Gastgeberin des schreibenden Herzens

„Der größte Raum der Welt ist ein DIN-A-4 Blatt Papier und ein Stift weiß mehr als ich.“ Diese Worte gehören Barbara Pachl-Eberhart. Autorin, Rednerin, Schreibpädagogin, LebensKünstlerin. Sie schenkte sie mir, als ich ihrem Vortrag „Wandelworte“ lauschte – zu finden in der Mediathek auf ihrer Website. Aber sie schenkte mir deutlich mehr. Indem sie mich mit dieser Metapher an das Schreiben als ein ganz besonderes, erfüllendes und zu füllendes Universum erinnerte, kam ich mir wieder selbst zuhanden und habe diese Worte hier geschrieben. 
Ihren zugewandten Weltenraum stellt sie sich selbst und jeder Leserin, jedem Leser zur Verfügung. Mit ihren vier Büchern. Drei habe ich gelesen und kann sie nur wärmstens empfehlen. 
In ihrem ersten Buch und doppelten Bestseller* „Vier minus drei“ lässt sie uns teilhaben an ihrer Trauerzeit, ausgelöst durch den eben nur fast unbeschreiblichen Verlust ihrer zwei Kinder und ihres Mannes infolge eines entsetzlichen Unfalls im Jahr 2008. Indem sie dieses Trauma schreibend verarbeitet und letztlich Leben und Tod auf einmalige Weise verbindet – drohend, am Verstummen von Worten zu ersticken und im lauten Schweigen zu versinken – verwandelt sie nicht nur den Tod ihrer Familie, sondern wird „selbst verwandelt“, wie sie es nennt. Mit ihrem zweiten Buch „Warum gerade du?“ lädt sie uns – ihre persönliche Erfahrung transformierend – ein, Trauer vollumfänglich und integrierend, durchaus alltagstauglich wie anderen zumutend zu begreifen. Sie klopft damit letztlich an die jedem Menschen innewohnende Kraft, in Trauer zutiefst lebendig sein zu können… Diese einladende Geste ist nicht nur ungemein tröstlich, so gütig geschrieben und nie wertend, sondern offen sowie gleichzeitig überaus präzise formuliert, sodass der Kopf wach ist, die Seele gestreichelt und der stimmige Bauch genährt werden. Ein rundum sattes Erlebnis. Schließlich stöbere ich immer wieder in ihrem Buch „Federleicht“ – ein ganzer Kosmos von Schreibgeschenken fürs Leben. DANKE, liebe Barbara Pachl-Eberhart, für diese hinreißenden Geschenke. Hier der Link zu ihrer Website: https://www.barbara-pachl-eberhart.at
*Spiegelbestseller und Jahresbestseller (2. Platz) in Österreich 2010

Schreiben mit links

Im ersten Schuljahr wurde ich von links auf rechts getrimmt – was meine Schreibhand betrifft. Ich frage mich immer wieder einmal – so auch eben heute in der Früh: Was wäre gewesen, wenn…? Was wäre gewesen, wenn ich als ausgesprochene Linkshänderin diese langen Jahre mit links geschrieben hätte? Glauben wir uns die Geschichten, die uns erzählt wurden, oder glauben wir vielmehr den Geschichten, die wir uns selbst erzählen? Und, sollten wir uns eher trauen als den anderen… erzähle ich mir selbst die Geschichten nicht auch immer wieder anders? In der Perspektive, vom Standpunkt her, in der Art und Weise, wie ich sie erzähle? Das heißt, welche Wörter ich zur Hand nehme, welche Assoziationen sie nahelegen und welche Wirkung sie somit entfalten?
Fakt ist, dass ich gezwungen wurde, rechts zu schreiben. Das war mühsam, tat weh – zumindest in der verkrampften Hand, im Arm, im Rücken – vermutlich noch woanders. 
Ich werfe, schneide, nähe, hämmere, spiele Tischtennis wie Federball und messere mit links. Anders geht es gar nicht! Und: Ich male mit links. Jedes Mal nehme ich zwar aus anerzogener Gewohnheit zuallererst den Pinsel, den Malstift in die rechte Hand und verpasse konstant den Moment, wenn er intuitiv in die linke Hand wandert. Das heißt, erstaunt registriere ich irgendwann, dass ich längst mit links male… Ich schwöre. So. Und genau hier setzt mein Denken an und meine Frage ein: Würde ich anders schreiben, denken, reden, Worte kreieren, wenn ich von Anbeginn mit links hätte schreiben dürfen? Schreiben ist ja ein zutiefst kreativer Akt, mein Lieblingsakt… Was wäre anders? Oder früher? Oder gar nicht anders in der Verbindung zur Wort- und damit zur Gefühlskreation, sondern im Leben? 
Mir ist bewusst, dass es darauf keine befriedigende Antwort geben kann. Nun, welches Ziel verfolge ich also mit meiner unbeantwortbaren Frage? Und ist sie überhaupt zeitgemäß? Spielt sie eine Rolle, wenn wir eh alle auf dem Computer beidhändig und damit gleichberechtigt schreiben? Was ist damals passiert im Kopf, im Gehirn – vielleicht sogar im Herzen? Hat es mich gestärkt fürs Leben, diese Hürde zu nehmen? Oder wurde damit eine Spur verlegt, die unauffindbar bleibt? Und mit diesen Fragen gelange ich wieder zum Anfang dieses Fragments: Wir konstruieren unsere Verfasstheit – je nach dem, wie wir uns unsere Geschichten erzählen – und in dem Fall, welche Hilfsantwort ich auf diese Fragen finde.
P.S.: Selbstverständlich kann ich noch mit links schreiben; aber das tue ich wiederum – offensichtlich ganz anders als beim Malen – nur ungern. Meine Schreibschrift gehört in die Grundschule; sie ist mir fremd. Oder werde ich mit dem Schmerz von damals konfrontiert? Und wie viele teilen diese Geschichte?… und schon könnte ich eine zweite Geschichte erzählen. 

Weder Fisch noch Fleisch aber Magie

Ich liebe das Semikolon. Ja, ich bin geradezu verliebt in dieses so selten verwendete Satzzeichen. Es ist weder Komma noch Punkt. Schon allein das Wort klingt nach Magie. Der Strichpunkt, wie das Semikolon auf profane Weise genannt wird, rührt an meine schreibende Seele. Das Semikolon ist in seiner Bedeutung schwächer als der Punkt; gleichzeitig ist es stärker als das Komma. Warum existiert es bloß? Mittels des Semikolon schaffe ich eine Verbindung und eine Trennung zugleich – aber sozusagen auf Augenhöhe, auf gleichberechtigter Ebene. Wie herrlich ist das denn! 
Mit diesem wunderbaren, einzigen Zeichen ; verfüge ich über eine zutiefst demokratische Dimension beim Schreiben. Ich verbinde zwei Sätze mittels Semikolon, wenn sie sich in ihrer Aussage ergänzen, ja wohlmöglich auch widersprechen mögen. Aber indem ich sie sprachlich wie bildlich weder in eine hierarchische Reihenfolge bringe – das schafft unter anderem das Komma – noch sie durch den Punkt, der das Satzende anzeigt, trenne, gelingt mir ein optischer Zauber, der nachwirkt und Resonanz findet. Nicht zuletzt auch dadurch, dass ich beim Komma das Verb schlabbern kann; beim Punkt brauche ich ein Verb, ein sogenanntes Tätigkeitswort; mit dem Semikolon, das ebenso nach einem Verb im Satz verlangt, erlaube ich mir, dass diese lebendigen Worte und Aussagen ebenbürtig schwingen. Und dieser Tanz gefällt mir. 

Wider volle Maskerade

Ab heute herrscht Maskenpflicht. Ganz offiziell. Ein Anlass, nicht über gekaufte oder selbstgenähte Schutzmasken nachzudenken, sondern über bewusst gewählte oder unbewusst angewandte im Alltag. Wann entscheide ich mich für eine Rolle, die ich spiele, statt für ein offenes Visier? Und ist in dem Fall gemeint, dass ich das Herz auf der Zunge trage oder meine Hände sanft auf mein Herz lege? Gibt es vielleicht sogar eine Alternative dazwischen? Oder sind die Rollen, die ich einnehme, schlichtweg Facetten meiner Persönlichkeitsstruktur und damit alle authentisch? Die, die privat ist; die, die öffentlich ist; die, die beruflich ist; die, die freundschaftlich ist; die, die nur mir gehört und nur von mir gelesen wird. Sind diese Persönlichkeitsaspekte klar abgegrenzt und festgezurrt bis hinter beide Ohren? Oder sind sie nicht vielmehr fließend, mal so und mal wieder ganz anders? Authentizität wird hier nicht als Dogma verstanden und damit überstrapaziert, sondern vielmehr als Gewissheit, sich echt und lebendig zu fühlen und damit als Original. Aber wer entscheidet über Original und Fälschung? Vielleicht geht es viel eher um adäquate Rollen? Aber wie ist dies wiederum vereinbar mit der Einzigartigkeit einer jedweden Person? In einer Welt voller Maskerade will ich nicht leben… Die Lösung liegt vermutlich darin verborgen, über den Schutz einer Maske nachzudenken: Wann ist eine Maske angesagt? Bei wem und wozu überhaupt? Und in welcher Situation und gegenüber welchen Menschen ist das offene Herz gleichbedeutend mit den wundersam ansteckenden Tröpfchen, die ein anderes Herz zart berühren?