Ich fürchte mich so vor der Doppeldeutigkeit

„Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“, das ist die erste Zeile des gleichnamigen Gedichts, das Rainer Maria Rilke 1898 schrieb. Und er führt fort: “Sie sprechen alles so deutlich aus.“ Ich erlaube mir mal, einige Zeilen meines hoch verehrten Dichters zu nehmen, ihm zuzustimmen und – ihn zu ergänzen. „Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, und hier ist Beginn und das Ende ist dort.“ Die ich immer präzise Formulierungen schätze und klare Sätze propagiere, fürchte mich vor dummen, populistischen Sätzen aufgrund falscher Fakten und eindimensionaler Deutung von komplexen Zusammenhängen. Ich fürchte mich vor diskriminierenden Worten und herabsetzender, abwertender Wortwahl sowie vor propagandistisch aufgeladener Kriegs-, Natur- und entmenschlichender Tiermetaphorik – auch schon vor Covid 19, vor AfD und weltweiter Krisen, die Menschen dazu veranlassen, ihr Land zu verlassen, um Krieg und Hunger zu entfliehen. 
„Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott, sie wissen alles, was wird und war; kein Berg ist ihnen mehr wunderbar; ihr Garten und Gut grenzt gerade an Gott“, heißt es weiter im zweiten vierzeiligen Vers des wunderbaren Poeten. Genau: Ich fürchte mich vor dem Tweetgebaren selbsternannter Götter und damit unter anderem vor dem vom amerikanischen Volk demokratisch gewählten Präsidenten, wenn er – wie vor Tagen geschehen – postet: „Liberate Virginia, and save your great 2nd amendment. It is under siege.“ „Befreit Virginia, und rettet euren großartigen zweiten Verfassungszusatz (Anmerkung: er verbietet, den Besitz von Waffen einzuschränken). Er ist unter Belagerung.“ Unfassbar! Mit dieser Kriegsmetapher ruft Trump damit fast zu zivilem Ungehorsam auf, den ich geradezu mit Gandhi, Martin Luther King oder unserer Friedens- und Bürgerrechtsbewegung verbinde. 
Und: Ich fürchte mich – vor allem im persönlichen Kontext manches Mal noch um ein Vielfaches mehr – vor Doppelbotschaften, die zutiefst verwirren, die dazu angetan sind, sich selbst zu erhöhen, indem man den anderen erniedrigt. Die fragile, narzisstische Persönlichkeit setzt sich nicht mit ihren Schattenseiten auseinander, sondern verlagert die gestörte Beziehung zu sich selbst auf die zwischenmenschliche Kommunikation – meist zu sogenannt geliebten Menschen, um ihre Individualität, ihre Gabe, ihr Sosein zu zerstören. Diese Lieblosigkeit – scheinbar widersprüchlich zum Narzissten – letztlich sich selbst gegenüber, also der lieblose Umgang mit seinen eigenen wunden Punkten findet Einzug in die Beziehung zum anderen. Als Kind hast du da keine Chance – und Glück, wenn es ihnen nicht gelingt, dich zu verrücken.
Aber auch heute noch, wenn ich nicht aufpasse, dann rühren sie mich an, diese Doppelbotschaften, hinterlassen mich stumm und starr für Stunden, ja, ich kämpfe darum, dass sie mich nicht umbringen… Wie schreibt da der Dichter weiter: „Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern. Die Dinge singen hör ich so gern. Ihr rührt sie an: Sie sind starr und stumm. Ihr bringt mir alle die Dinge um.“ Ich fürchte, nein ich will in Zukunft fern bleiben von Menschen mit Doppelbotschaften, und mich den Menschen mit der Sprache zuwenden, deren Worte andere Saiten zum Klingen bringen.   
P.S.: Ein Link zum Gedicht http://rainer-maria-rilke.de/020088fuerchtemichso.html

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